VT Friday News #3: Interview mit Ulrich Gutweniger zur Familienaufstellung

September 29, 2017

FamilienaufstellungDieses Mal scheren wir ein wenig aus.

Stimmt.

Es geht nicht ausschließlich um die Vintschger Typenlehre, obwohl sie bei unseren Familienaufstellungen, die wir immerhin seit 15 Jahren miteinander machen, dabei ist.

Anlässlich der Familienaufstellung nächste Woche, siehe eigene Infos, dachten wir, es ist an der Zeit, mal etwas zur Familienaufstellung zu posten.

Ist diese Methode noch aktuell? Was hat sie Vorteile?

Dr. Ulrich Gutweniger, vielen bekannt als Uli, gibt so einige Antworten dazu…

 

 

 

Wie lange machst du schon Familienaufstellungen?

Ungefähr seit 20 Jahren.

Hast du es bei Bert Hellinger direkt gelernt?

Nein, ich abs0lvierte eine zweijährige Ausbildung bei Manfred Frenzel in der Lichtenburg von Nals, der aber ein direkter Schüler von Bert Hellingers war und den ich als exzellenten und vielseitigen Therapeuten kennenlernen durfte.

Ist für dich die Familienaufstellung nur ein Modetrend?

Angesichts der Tatsache, dass ich nunmehr seit 20 Jahren 3 bis 4-mal im Jahr Familienaufstellungen anbiete, ist es aus meiner Sicht wohl mehr als nur ein Modetrend. Für mich stellt es eine Möglichkeit dar, belastende Familienstrukturen zu verbessern sowie Informationen im System der Großfamilie zu einer Auflösung zu bringen.

Welchen Vorteil hat die Familienaufstellung im Gegensatz z. B. zur klassischen Einzeltherapie?

Es gibt Situationen bzw. Krankheiten, welche aus der eigenen Lebensgeschichte heraus nicht lösbar sind, da sie in einem größeren Zusammenhang betrachtet werden müssen. Wie eine neue Forschungsrichtung, die Epigenetik, aufzeigt, können traumatische Ereignisse über Generationen an die Nachfahren in den Genen weitergegeben werden. Ihr habt richtig gehört: Ängste und Traumata festigen sich in den Genen und werden vererbt. Die gute Nachricht ist: Über Familienaufstellungen können solche Belastungen, welche z.B. bei einem Kriegserlebnis des Großvaters den Enkel lebensgefährlich bedrohen, erkannt und aufgelöst werden.

Die Familienaufstellung wurde oft heftig kritisiert und wird von manchen sogar gefürchtet…

Zum Teil zu recht, muss ich sagen, denn in der anfänglichen Euphorie, ein so starkes therapeutisches Instrument zur Verfügung zu haben, ist man aus meiner Sicht über das Ziel hinausgeschossen. Viele Schnellsiederkurse haben unprofessionelle Familiensteller hervorgebracht, welche über keinerlei fachliche Grundausbildung verfügten, und dementsprechend schlecht arbeiteten. Man darf nie vergessen, dass die Arbeit mit Menschen äußerst komplex ist und eines großen Fachwissens und einer ebenso großen Erfahrung im therapeutischen Bereich bedarf, um für die verschiedensten möglichen Situationen gewappnet zu sein.

Menschen wurden in der Vergangenheit bei Familienaufstellungen in tiefste Erfahrungsbereiche hineingeworfen und darin alleine gelassen, als der Therapeut – meist aus dem Ausland kommend – nach dem Wochenende wieder verschwand. Entgegen der anfänglichen Meinung von Bert Hellinger, dass die Familienaufstellung als Instrument ausreiche und keiner Nachbetreuung bedürfe, sind die nachfolgenden Therapeuten der Meinung, dass es manchmal sinnvoll und auch nötig ist.

Und der Vorwurf, dass es sich um eine Sekte handelt?

Es handelt sich nicht um eine Glaubensrichtung, sondern um ein Instrument, das an eine Weltanschauung geknüpft ist, die aus dem Schamanismus kommt. Es ist natürlich ein Weltbild, das dem modernen Individualismus und der Idee, dass der einzelne sein gesamtes Glück unabhängig von seiner Familie und Historie in den Händen hält, zuwiderläuft. Vielmehr entspricht dieses Weltbild einerseits dem althergebrachten Denken, dass ein Mensch eingebettet ist in seine Großfamilie bzw. in seinen Stamm, andererseits entspricht es der modernen Quantenphysik, welche immer mehr zur Auffassung kommt, dass auf einer tiefen Ebene alles miteinander verbunden ist und sich daher gegenseitig beeinflusst.

Hat sich die Methode in den letzten Jahren verändert?

Bert Hellinger wurde als Missionar in Afrika von schamanischen Heilriten bei einem Stamm inspiriert. Daraus hat er eine großartige Methode entwickelt, die in der Praxis weitergefeilt wurde. Im Laufe der Zeit entstanden unterschiedliche Ansätze innerhalb der Familienaufstellung. So gibt es z.B. Therapeuten, welche in der Einzelsitzung Figuren oder Stühle für einzelne Familienmitglieder benutzen, um den Klienten in die verschiedenen Rollen eintauchen zu lassen. Es gibt verdeckte Aufstellungen, bei denen die einzelnen Personen nicht wissen, welche Rolle sie einnehmen, die Weiterentwicklung zu Betriebs- und Organisationsausstellungen uvm.

Wir, d.h. meine Frau und ich, ziehen die Arbeit mit realen Personen vor, die ihre Gefühle sowie ihre Körperwahrnehmungen und Gedanken frei äußern können und somit wertvolle Informationen über das aufgestellte System liefern. Wir haben die Methode in eine sanftere Richtung weiterentwickelt, bei der der Aufsteller nicht so direktiv vorgeht wie bei Hellinger, sondern die Personen in der Rolle meist gefragt werden, was sie empfinden und was sie sagen möchten. Außerdem wurde ein bedeutsames Element hinzugefügt: Die einzelnen Familienmitglieder werden auch auf ihren Typ gemäß der Vintschger Typen lehre analysiert und dessen Auswirkungen auf die einzelnen Dynamiken miteinbezogen.

Also ist die Familienaufstellung aktueller denn je?

Sie zählt für mich immer noch zu den stärksten Methoden in meinem Werkzeugkasten, wenn es darum geht, komplexe Sachverhalte und innerfamiliäre Dynamiken bzw. ungelöste Krankheitsbilder zu erkennen und aufzulösen. In einer Gesellschaft, in der Gefühle und Impulse nach wie vor stark verdrängt oder abgeschnitten werden, ist diese gefühlvolle Methode ein sehr wichtiges Instrument, um mit den Menschen wieder angemessenes Fühlen zu üben und die Einheit zwischen Körper, Geist und Seele zu fördern – für uns die Basis für ein gesundes, energetisches und glückliches Leben.

as

Schreibe einen Kommentar


*